Dienstag, 21. November 2006

Zitat des Tages.

Das Zitat des Tages ist von gestern. In der Süddeutschen Zeitung stand's, zwischen diversen anderen Sätzen, ganz am Rand, aber an was für einem! Am linken nämlich, auf Seite Eins, also da, wo seit jeher das "Streiflicht" seinen Platz hat, nie versiegender Quell des Wahren im Falschen, Guten im Bösen und Schönen im Hässlichen:

"Für jede kleine Verrücktheit und jede große Sehnsucht gibt es einen besten Platz, und da muss man hin, sonst kann man nicht zufrieden in die Grube fahrn"
(Streiflicht, SZ vom 20. November 2006)

Samstag, 21. Oktober 2006

Plädoyer fürs Nicht-Wissen.

„Ich weiß nicht, was das ist“, sagt der Mann und macht eine ausholende Geste. Vor ihm: eine verrätselte Stahlkonstruktion, ein überdimensionaler Rahmen, der sich weiter hinten im Kleinen wiederholt und schließlich den Blick freigibt auf Karlswiese und Marmorbad. Hinter ihm: ein Pärchen. Die Stadt: Kassel. Der Ort: neben der dokumenta-Halle.

Der Satz und die Geste wirken in ihrer Gegensätzlichkeit eigentümlich anziehend. Das offene Bekenntnis zur Unwissenheit und die schwungvolle Fremdenführer-Armbewegung in Richtung Kunstwerk zeugen, zusammen genommen, von einer Großzügigkeit, die umso beeindruckender ist, als sie nichts will. Sie will nicht imponieren, sie ist einfach da. Genauso gut hätte der Mann das stählerne Rätsel ignorieren und stattdessen auf die Landschaft verweisen können. „Hier unten seht ihr das Marmorbad und dort hinten die Orangerie“, hätte er zum Beispiel sagen können. Aber was hätte es gebracht? Der Besuch hätte vermutlich stumpfen Blickes genickt und die Namen schon im nächsten Moment vergessen.

Stattdessen hat der Mann - „Ich weiß nicht, was das ist“ - die Leute eingeladen, sich ihrer Unwissenheit nicht nur zu stellen, sondern sie regelrecht zu genießen. Die Folge: Fragezeichen auf den Gesichtern. Neugier. Rätsel. Begehen des Kunstwerks. Betrachten von allen Seiten. Vermutungen. Ahnungen. Nachdenken. Lachen.

Ich wette, die Besucher werden sich noch lange an den Moment erinnern. Nicht OBWOHL, sondern WEIL sie nicht wussten, "was das ist".

Ich behaupte: Was für die Kunst gilt, gilt erst recht fürs Leben. Und weiter: Würde man den „Ich weiß nicht, was das ist“-Satz nur öfter hören - die Welt wäre eine andere. Die Entscheider und Entscheiderinnen würden ab und zu innehalten und FRAGEN, statt am Fließband Antworten zu produzieren, Antworten, die meist nicht der Erkenntnis, sondern anderen Interessen dienen – Kostensenkung und Wählervertrauen, an erster Stelle aber Verbergen von Unsicherheit. Keine Chance zu wachsen, höchstens als Luftblase. Pessimistische Sicht: Mit heißer Luft aufgeblähtes Selbstbewusstsein regiert die Welt. Optimistische: Theoretisch reicht ein Nadelstich, und die Blase platzt.

Die Gruppe mit dem sokratischen Anführer ist verschwunden. Ein Mann setzt sich einen Steinblock weiter neben mich. Zündet sich eine Zigarette an. Deutet auf die Stahlkonstruktion. Fragt: „Was ist das?“ – „Ich weiß nicht“, sage ich. - „Aber es soll doch etwas bedeuten“, bohrt der Mann weiter. – „Ja“, sage ich, „man muss eben überlegen“. – „Sie sind nicht von hier?“ wird nun kombiniert. - „Nein“, sage ich, „ich kenne mich wirklich überhaupt nicht aus“. Der Mann zieht an seiner Zigarette, steht auf und würdigt den Rahmen mit dem Ausschnitt Welt keines Blickes.

Freitag, 15. September 2006

Weiße mit Schuss.

Aus der Hauptstadt erreicht mich folgendes Wahlplakat:



Nach längerem Überlegen bin ich zum vorläufigen Schluss gekommen, dass die "Berliner Weißen" die Nazis sein sollen - die eben einen Schuss haben. Klingelingeling! Hat aber gedauert. Eigentlich dauert's immer noch. Zuerst dachte ich, die Jusos seien "die Weißen" (in Anlehnung an die Weiße Rose oder was weiß ich), die von hinten auf die Nazis schießen. "Konsequent gegen Rechts" eben. Aber das wäre dann wohl doch ein bisschen zu konsequent.

Donnerstag, 14. September 2006

Zeit verlieren mit Jochen Schmidt.

Jochen Schmidt ist einer der Schriftsteller aus der Chaussee der Enthusiasten, die sich jeden Donnerstag im Berliner RAW-Tempel sehr kurzweilig präsentiert. Außerdem ist er Proust-Leser. Jeden Tag zwanzig Seiten. In seinem eigens für seine Proust-Lektüre eingerichteten Proust-Blog kann man sich davon lesend ein Bild machen. Man liest, wie er liest. Folgt man Jochen Schmidt, der Marcel Proust folgt, der wiederum der verlorenen Zeit auf den Fersen ist, verliert man unmerklich die Zeit, die man hinterher sucht, weswegen die Suche eigentlich nie aufhört. Es sei denn, man guckt Fußball.

Sonntag, 10. September 2006

Rosenrabatt.

Den heutigen Tag hat irgendwer zum "Tag des offenen Denkmals" erklärt. Und weil so ein Tag ohne einen hieb- und stichfesten Themenschwerpunkt mit Motto und allem Drum und Dran nach außen hin diffus wirken würde, widmet man sich dieses Jahr historischen Gärten. Motto: „Rasen, Rosen und Rabatten".

Der alliterativ den Gaumen hinabrollende Dreiklang auf R ist zweifellos ein Ohrenschmaus und verdient allerhöchsten Respekt. Findet Herr Öttinger aber nicht. Auf der Homepage des Landes Baden Württemberg hat man einfach den Gürtel enger geschnallt - zugunsten eines weniger Zeichen verbrauchenden und von der Message her versachlichten Slogans: "Rasen, Rosen und Rabatte". Die Sinnverschiebung vom Nutzlos-Floralen zum Wirtschaftlich-Profitablen harmoniert natürlich mit dem allgemeinen Spirit aus schaffe, noch mal schaffe und Häusle baue. Keine Rabatten ohne Rabatte! Aber in feierlich blühende Landschaften versteckte Aufrufe zum Knausern einzustreuen, geht dann doch zu weit!

Montag, 7. August 2006

Zwischenmiete: Berlinbalkon.

Pandoria ist vorübergehend umgezogen. Sie wohnt jetzt in Berlin. Zumindest im August. Den Blog hat sie natürlich mitgenommen. Er heißt jetzt nur anders. Zumindest im August.

Hier geht's zum "berlinbalkon".

Dienstag, 1. August 2006

Kleen heißt jetzt Bondorf!

Soeben erreicht mich folgende Nachricht: Meine Freundin Tini, Lesern dieses Blögchens auch bekannt als treu und beinahe einzig kommentierende und höchst lesenswert bloggende “tinifeliz“, hat im Zuge ihrer kürzlichen VERMÄHLUNG ihren Zunamen geändert! Hierauf einen dreifachen Tusch! - -
=> Kleen heißt jetzt Bondorf. Sonst ändert sich ...

... das Klingelschild
... das Assoziationsfeld (Immer dachte ich: Welch hübscher Kontrast zwischen der Hochgewachsenheit ihrer Gestalt bzw. ihres Geistes und ihrem Familiennamen „Kleen“! Was nicht heißen soll, dass „Bondorf“ nicht ebenfalls ganz wunderbare Gedankenspiralen in Gang setzt. Diese Mischung aus aristokratischer Frankophilie und ruraler Bodenständigkeit... Sogleich puzzelt sich ein Bild von im Weizenfeld tafelnden französischen Intellektuellen zusammen, die sich gegenseitig kleine Würfel weichen Camemberts – „très, très bon!“ in den Mund stecken, während im Hintergrund das kleine Dorf langsam im Schlaf versinkt)
... die E-Mailadresse, zumindest die bei der Arbeit
... das akustische Schmankerl der Alliteration in den Initialien (KB hat dafür irgendwie was von Haute Couture...)
... der Grad der Seriosität (Im Direktvergleich „Kleen“-„Bondorf“ schneidet Bondorf eindeutig besser ab, was klangliche Ernsthaftigkeit angeht. Aber hoffentlich nur klangliche!)
... und sicher noch viel, viel mehr.

Es freut sich mit Bondorfs diebisch und tanzt um den Tisch:

Pandorijani