Samstag, 20. Mai 2006

Richtige Wörter.

Aus der Hauptstadt kam gestern folgender Gedanke geflogen und hat sich auf meiner Festplatte eingenistet:
„Für manche Gemütszustände kann man eben, so sehr man auch sucht, wohl einfach nicht die richtigen Worte finden, dann ist es manchmal besser, es gar nicht erst zu versuchen oder eigene zu erfinden.“

Das ist eine These, die man mit Messer und Gabel essen muss! Und schon liegen drei saftige Stücke auf dem Teller:

Brust: Für manche Gemütszustände kann man (...) nicht die richtigen Worte finden,
Flügel 1: dann ist es (...) besser, es gar nicht erst zu versuchen oder
Flügel 2: eigene zu erfinden.

Zu 'Brust':
Diese Erkenntnis darf wohl ohne Umschweife als wahr bezeichnet werden.
Doch wie sieht es mit den Flügeln aus?

Zu 'Flügel 1':
Soll man nicht wenigstens VERSUCHEN, was geht?
Ich meine: Ja! Ein entschiedenes Ja!
Auch wenn es sehr wahrscheinlich ein fahler Abklatsch dessen wird, was man gerne sagen WÜRDE, wenn man KÖNNTE. Die Celans, Trakls und Rilkes sind nun mal dünn gesät, und das ist ja auch gut so. (In puncto Lebenstüchtigkeit sollte man sich ohnehin andere Vorbilder suchen, aber das soll hier nicht Thema sein.)
Mir scheint, als verkümmere im Schatten namens Ehrfurcht so manch zartes Pflänzchen, das, wer weiß, im Hirn des Sachbearbeiters ans Licht drängt. Doch missdeutet er dies unbestimmte Drängen als Midlifecrisis und trennt sich von seiner Frau. Und warum? Weil er nichts weiß von den Worten, die in ihm verborgen schlummern, die in ihm loderten, fände er nur die Streichhölzer. Sicher, er hat schon mal von Goethe oder so gehört, und auch Eichendorff ist ihm ein Begriff, aber das ist nicht sein Metier, darin kennt er sich nicht aus, das alles hat nichts mit ihm zu tun. So denkt er, der Sachbearbeiter.
Natürlich lauert – machen wir uns nichts vor - immer und überall die Gefahr, dass die alltagssprachlichen Wurfgeschosse das filigrane Gemütsgebilde jäh zerschmettern. Ich fürchte sogar, dass die meisten Geschichten, die das Leben schreibt, auf diese Weise enden: erschlagen von der Wucht der Wörter. (Vorausgesetzt, sie haben überhaupt je begonnen und wurden nicht aus Angst vor den Wörtern um ihr natürliches Recht auf Leben gebracht.)
Das Schlimme ist: Das alles geschieht meist, ohne dass wir was merken! Oder wenn wir was merken, dann ist es schon zu spät. Nicht selten passiert dies: Der Gedanke wächst und gedeiht, gläsern und zart, schillert im Schein der Morgensonne, wolkenlicht und elfengleich... Und dann, mit einmal Mal, aus der Ferne ein Dröhnen, das Dröhnen wird lauter, der Himmel verdunkelt sich und – peng! Das Wort schlägt auf! Und alles ist kaputt.

Zu 'Flügel 2':
s. Flügel 1! Ohne Umschweife wahr

Drum sei hier nicht länger herumgeplürt und sich in alle Roginten verhopft!

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